{"id":104,"date":"2007-08-27T11:05:24","date_gmt":"2007-08-27T09:05:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edgar-degas-wiederholung-serialitaet-picasso\/"},"modified":"2007-08-27T11:05:24","modified_gmt":"2007-08-27T09:05:24","slug":"edgar-degas-wiederholung-serialitaet-picasso","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/edgar-degas-wiederholung-serialitaet-picasso\/","title":{"rendered":"Edgar Degas Wiederholung Serialit&#228;t Picasso"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/edgar-degas-erinnern-wiederholen-durcharbeiten.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.978 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/p>\n<h2>Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten in Edgar Degas\u2019 Werkprozess<\/h2>\n<p><small>in: Logik der Bilder. Pr\u00e4senz &#8211; Repr\u00e4sentation &#8211; Erkenntnis. Gottfried Boehm zum 60. Geburtstag, hrsg. von Richard Hoppe-Sailer, Claus Volkenandt und Gundolf Winter, Berlin 2005, S. 35-51.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel V: Die Metonymie des k\u00fcnstlerischen Aktes<\/h3>\n<p>Einmal auf diese Korrespondenz zwischen gezeigter T\u00e4tigkeit und k\u00fcnstlerischem Tun aufmerksam geworden, l\u00e4sst sie sich, in jeweils unterschiedlicher Auspr\u00e4gung, auch bei den meisten anderen Sujets entdecken. Am Tanz fasziniert Degas nicht nur jene von Val\u00e9ry beschriebene raumzeitliche Ornamentik, die ihm Anlass f\u00fcr die Versuche bietet, Linie und Bewegung zu  vereinigen. Der K\u00fcnstler der zehn-, ja hundertfachen Wiederholung derselben zeichnerischen Geste spiegelt sich zugleich in der rigorosen Disziplin der T\u00e4nzerinnen, deren repetitives \u00dcben von Haltungen und Schrittfolgen und deren Bereitschaft, ihr Selbst in der Technik zum Verschwinden zu bringen, die scheinbare M\u00fchelosigkeit und formale Abstraktheit des Tanzes erst erm\u00f6glichen. Es d\u00fcrfte also kein Zufall sein, dass unter den Tanzbildern die Darstellungen trainierender Ballerinen die weitaus umfangreichste Gruppe bilden. Eine andere Variante jener Korrespondenz finden wir bei den W\u00e4scherinnen, beispielsweise den <em>Blanchisseuses portant du linge <\/em>von 1878-1879. Das blendend wei\u00dfe Leinen, das sie in ihren gro\u00dfen K\u00f6rben tragen, sieht aus wie pure Farbe, die zugleich daraus herauszuflie\u00dfen scheint, um sich \u00fcber eine Leinwand zu verteilen, die wie eine Mauer erscheint, die gerade mit breiten Pinselstrichen gewei\u00dft wird. In wiederum anderer Weise zeigt sie sich bei der <em>Repasseuse<\/em> von 1873, bei dem Degas das zu b\u00fcgelnde Textil in heftigen Pinselstrichen auftr\u00e4gt, deren Breite und Ausrichtung dem B\u00fcgeleisen und seiner Bewegung entsprechen. Degas h\u00e4lt nicht nur gro\u00dfe St\u00fccke auf die Sondersprache seines Metiers, sondern interessiert sich genauso f\u00fcr die speziellen Ausdr\u00fccke der Berufe, die er darstellt. So erinnert sich Edmond de Goncourt daran, wie Degas seine W\u00e4scherinnen und B\u00fcglerinnenbilder vorf\u00fchrt und dabei in deren T\u00e4tigkeit eintaucht, indem er &#8222;ihre Sprache spricht und uns fachm\u00e4nnisch den <em>pressenden <\/em>B\u00fcgeleisensto\u00df, den <em>kreisenden <\/em>B\u00fcgeleisensto\u00df usw. erkl\u00e4rt&#8220;.<br \/>\nIn den 1890er Jahren entwickelt Degas zwei Methoden, die ihm das Weiterarbeiten an seinen Motiven erleichtern und zu einer spezifischen Form seriellen Arbeitens f\u00fchren. Er stellt Konterabdrucke seiner Kohlezeichnungen und Pastelle her, indem er sie auf angefeuchtetes schweres Papier dr\u00fcckt, oder paust die Umrisse durch d\u00fcnnes Pauspapier durch. Danach arbeitet er an diesen Kopien weiter, ver\u00e4ndert, erg\u00e4nzt und kombiniert sie, um davon gegebenenfalls erneut Abklatsche oder Pausen herzustellen, usw. Auf diese Weise entstehen zahlreichen Gruppen beinahe identischer, seitenverkehrter oder ineinander montierter Bl\u00e4tter, deren einzelne Exemplare keine Entw\u00fcrfe im Hinblick auf eine endg\u00fcltige Formulierung sind, sondern Stationen einer offenen Bilderfolge, die sich qua Ber\u00fchrung fortpflanzt. Dasselbe Ph\u00e4nomen wird erneut beim sp\u00e4ten Picasso anzutreffen sein, der bei seiner obsessiven Wiederholung gewisser Sujets teilweise ebenfalls mit Durchpausverfahren arbeitet. Picasso kommentiert sein Tun mit Worten, die wohl auch auf Degas zutreffen d\u00fcrften. Was ihn interessiere, sei die Bewegung des Malens, das dramatische Vorsto\u00dfen von einem Anblick zum n\u00e4chsten, auch wenn dieser Vorsto\u00df nicht bis zum Ende gef\u00fchrt werde. Er habe den Punkt erreicht, so Picasso weiter, wo ihn die Bewegung seines Denkens mehr besch\u00e4ftige als sein Denken selbst.<br \/>\nIn den letzten beiden Jahrzehnten seiner k\u00fcnstlerischen T\u00e4tigkeit gewinnt Degas Bildproduktion den Zug einer sich selbst vollziehenden Reproduktion. Sie wird zu einem immanenten Prozess, von dem die Au\u00dfenwelt und deren Wahrnehmung zunehmend ausgeschlossen bleiben. Von Darstellung in herk\u00f6mmlichem Sinn &#8211; als einer auf dem Sehen gr\u00fcndenden Abbildbeziehung von Modell und Bild &#8211; kann hier kaum mehr gesprochen werden.Unter anderem daraus resultiert der entr\u00fcckte, traumbildartige Charakter der sp\u00e4ten Arbeiten, die etwas zeigen, das weniger von einem bestimmten Standpunkt aus gesehen als vielmehr aus einer horizontlosen Untiefe aufzutauchen scheint. Gleichzeitig geht Degas immer st\u00e4rker dazu \u00fcber, nicht an neuen Werken zu arbeiten, sondern fr\u00fchere Bilder oder Plastiken zu retouchieren (w\u00f6rtlich: wieder zu ber\u00fchren), womit die k\u00fcnstlerische Arbeit vollends zirkul\u00e4r wird. Bei diesen \u00dcberarbeitungen gehen Sch\u00f6pfung und Zerst\u00f6rung Hand in Hand. Als das Atelier nach Degas&#8216; Tod inventarisiert wird, findet man nicht nur zahlreiche durch \u00dcbermalungen fast unkenntlich gewordene Bilder, sondern auch hunderte von Skulpturenteilen, die \u00fcber die Etagen des Hauses verteilt sind. Die Darstellung jener eigengesetzlichen, von allen zeitlichen, r\u00e4umlichen und situativen Bedingtheiten freigesetzten Bewegungsformen, die Degas&#8216; Sp\u00e4twerk umkreist, wird von der immanenten und zirkul\u00e4ren Bewegung des k\u00fcnstlerischen Tuns bis zu dem Punkt \u00fcberformt, wo es zu einer Implosion kommt, die das Werk vernichtet.<br \/>\nIn Degas&#8216; Werkprozess tritt ein metonymischer Zug heraus, der mit dem in Beziehung zu stehen scheint, was die Psychoanalyse als Metonymie des Begehrens beschreibt. Der K\u00fcnstler, der die tats\u00e4chliche Ber\u00fchrung mit einem anderen K\u00f6rper offensichtlich kaum ertr\u00e4gt, \u00fcbertr\u00e4gt sie in den k\u00fcnstlerischen Prozess. Dinge und Materialien kommunizieren miteinander und stehen f\u00fcreinander ein. In Haaren erkennt er den schimmernden Glanz polierten Holzes, in Kleidungsst\u00fccken K\u00f6rper, in Steinen ein Schulterblatt und in der Haut eine Landschaft. Dabei sei es besonders die Farbe, so Degas, die das Lebende, das Tote und das Vegetierende miteinander verbinde. Wenn es eine Z\u00e4sur in seinem \u0152uvre gibt, dann vielleicht jene tiefe psychische Krise in der Mitte der 1880er Jahre, wo er sp\u00fcrt, dass in ihm, wie er in einem Brief formuliert, eine T\u00fcre zugefallen sei. Er f\u00fchlt sich alt und sieht einem einsamen, dauerhaft z\u00f6libat\u00e4ren Leben entgegen. Angesichts von lauter Projekten, die er ins Nichts laufen sieht, glaubt er den Faden auch in k\u00fcnstlerischer Hinsicht verloren zu haben.<br \/>\n&#8222;Wo sind die Zeiten&#8220;, klagt er in einem anderen dieser niedergeschlagenen Briefe, &#8222;in denen ich mich f\u00fcr stark hielt? Als ich voller Logik und voller Pl\u00e4ne war? Ich werde immer st\u00e4rker abrutschen und hinabrollen, ohne zu wissen, wohin, eingeh\u00fcllt in viele schlechte Pastelle wie in Packpapier.&#8220;<br \/>\nDoch dann scheint es Degas zu gelingen, eben jenes Eingeh\u00fclltsein in die eigene Kunst als die ihm gem\u00e4\u00dfe Quelle k\u00fcnstlerischer Energie zu begreifen. In dem Augenblick, wo Kunst und Leben auseinander zu laufen beginnen, investiert er sein Begehren ausschlie\u00dflich in die Kunst. Gleichzeitig zieht er sich mit einer Entschiedenheit von der Welt zur\u00fcck, welche die Zeitgenossen irritiert. Sie erkl\u00e4ren sie mit einer Misanthropie, die Degas zwar wie ein Schutzschild vor sich her tr\u00e4gt, die aber in seinen Bildern und Plastiken nicht wiederzufinden ist, selbst wenn dies gelegentlich behauptet wird. So steht die Klage des alternden Degas, in seinen &#8222;Packpapieren&#8220; zu verschwinden, am Beginn der Zeit, in der seine eindringlichsten Arbeiten entstehen.<\/p>\n<table>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edgar-degas-motive-sehen-gesamtwerk\/\">Kapitel I: Einleitung<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edgar-degas-tanz-landschaften-spaetwerk\/\">Kapitel II: &#8222;Le vague&#8220;<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edgar-degas-koerper-bewegung-ornament\/\">Kapitel III: Bild und Bewegung <\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edgar-degas-moderne-beruehrung-technik\/\">Kapitel IV: Sehen und Ber\u00fchren<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" alt=\"punkt\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/edgar-degas-wiederholung-serialitaet-picasso\/\">Kapitel V: Die Metonymie des k\u00fcnstlerischen Aktes<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"10\" height=\"20\" alt=\"spacer\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/edgar-degas-erinnern-wiederholen-durcharbeiten.pdf\">Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.978 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 1.978 KB) Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten in Edgar Degas\u2019 Werkprozess in: Logik der Bilder. Pr\u00e4senz &#8211; Repr\u00e4sentation &#8211; Erkenntnis. Gottfried Boehm zum 60. Geburtstag, hrsg. von Richard Hoppe-Sailer, Claus Volkenandt und Gundolf Winter, Berlin 2005, S. 35-51. 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