{"id":1033,"date":"2016-07-07T09:28:35","date_gmt":"2016-07-07T07:28:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/?p=1033"},"modified":"2019-05-24T08:00:44","modified_gmt":"2019-05-24T06:00:44","slug":"fontana-tagli-rueckseite-notate-ausdruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/michaelluethy.de\/scripts\/fontana-tagli-rueckseite-notate-ausdruck\/","title":{"rendered":"Fontana Tagli R\u00fcckseite Notate Ausdruck"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\"><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/fontanas-schnitte.pdf\"><font size=\"1\" face=\"verdana\">Fontanas Schnitte als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 190 KB)<\/font><\/a><\/p>\n<h2>Fontanas Schnitte<\/h2>\n<p><small>in: Bild-Riss. Textile \u00d6ffnungen im \u00e4sthetischen Diskurs, hrsg. von Mateusz Kapustka, Textile Studies, Band 7, Edition Imorde, Emsdetten\/Berlin, 2015, S. 25-38.<\/small><\/p>\n<h3>Kapitel 4: Der Schnitt als \u00c4u\u00dferung \u2013 und Fontanas r\u00fcckseitige Notate<\/h3>\n<p>Sieht man Fontanas Schnitt-Geste unter dem Aspekt subjektiver Expression, wird deutlich, dass der Schnitt nicht nur ikonoklastisch ist, sondern zugleich eine ausdrucks\u00e4sthetische Deutung der Kunst als Ent\u00e4u\u00dferung ihres Autors unterl\u00e4uft \u2013 oder diese Deutung zu radikalen Schl\u00fcssen zwingt. Denn wollten wir im Schnitt den Spiegel des Subjekts, das ihn hervorbrachte, erkennen, erwiese sich das Subjekt als eben jenes \u201aNichts\u2018, das der Schnitt in der Leinwand erzeugt.<\/p>\n<p>Den Schnitt als subjektiven Ausdruck aufzufassen, gewinnt allerdings an Plausibilit\u00e4t, sobald wir entdecken, dass Fontana die R\u00fcckseiten der <em>Tagli<\/em> mit \u00fcberraschenden Notaten versah. In ihnen manifestiert sich ein eigent\u00fcmlich allt\u00e4gliches Reden, das nicht zu der stummen Geste des Schlitzens passen will und das h\u00e4ufig beschworene Bild des K\u00fcnstlers als \u201eZen-Meister\u201c irritiert. Die Notate \u2013 je eines pro Bild \u2013 kreisen um das <em>hic et nunc<\/em> von Tagesbefindlichkeiten, Unternehmungen, Vorlieben und Stimmungen: \u201eEs gef\u00e4llt mir, ein Tagedieb zu sein\u201c (67T46), \u201eMozarts Zauberfl\u00f6te, welches Wunder!! Schmerzt mich das rechte oder das linke Bein?\u201c (67T52), \u201eIch warte auf den G\u00e4rtner der Seele\u201c (67T70), \u201eNieren mit Petersilie bekommen mir nicht gut\u201c (67T75), \u201eFreih\u00e4ndig Fahrrad fahren tue ich gerne\u201c (67T11), \u201eIch bin m\u00fcde, ich gehe schlafen\u201c (64T14), \u201eArbeiten, arbeiten, warum? F\u00fcr wen? Zum Teufel mit der Arbeit\u2026\u201c (67T57). Sie halten das Wetter, bestimmte Ereignisse oder schlicht den Wochentag fest: \u201eHeute ist ein trauriger Tag ohne Sonne\u201c (64T73), \u201eRussische Raumsonde erreicht Venus\u201c (66T119), \u201eTeresita hat Autofahren gelernt\u201c (64T27), \u201eDer Einfluss Chinas auf die sowjetische Politik\u2026 Marina Vlady in Rom\u201c (64T48), \u201eHeute ist Freitag, morgen Samstag\u201c (64T17). Dann wieder werden Regeln und Weisheiten des Alltags aufgeschrieben: \u201eWenn es kalt wird, muss man die Heizung einschalten\u201c (64-65T43), \u201eWer schl\u00e4ft, f\u00e4ngt keine Fische\u201c (64-65T34), \u201eDie Einsamkeit des Alters ist schlimmer als der Tod\u201c (64T119), oder aber Bemerkungen zur Kunst notiert: \u201eDie Pop-Art, wie langweilig\u201c (64T109), \u201eWohin kommen wir mit der Kunst?\u201c (66T99), \u201eVerstehe ich wirklich nichts von Malerei?\u201c (66T96). Es gibt Liedanf\u00e4nge: \u201eMamma mia dammi cento lire che in America voglio andar \u2026\u201c (64T154) und Fragespiele: \u201eAmerika wurde von Garibaldi entdeckt\u2026 Esel!!\u201c (64-65T1). Daneben finden sich aus jedem Zusammenhang gerissene Reihungen wie \u201eAchtunddrei\u00dfig, Neununddrei\u00dfig, Vierzig\u201c (66T77) oder \u201eHeute, morgen, irgendwann\u201c (64T12) sowie Wortspiele, z.B. mit dem eigenen Namen: \u201eFontana, Fontanella, Fontanone, Fontana\u201c (65T142), und immer wieder eigent\u00fcmliche Formeln wie \u201e1+1-LLTA3\u201c (63T29) oder \u201e1+1-ZXY\u201c (63T35), wobei es sich dabei wohl weniger um Kalkulationen handelt, die entschl\u00fcsselt werden k\u00f6nnten, sondern um den Niederschlag derselben Lust am Reden und Kritzeln wie bei den \u00fcbrigen Notaten. So steht neben der Formel \u201e1+1-7777\u201c als Kommentar: \u201eMir gef\u00e4llt die Ziffer 7\u201c (64T2) \u2013 mit der Folge, dass Fontana sie gleich viermal hintereinanderschreibt.<\/p>\n<p>Was sich hier artikuliert, erscheint als Kehrseite \u2013 im w\u00f6rtlichen wie im \u00fcbertragenen Sinne \u2013 des Schnitt-Aktes. Das r\u00fcckw\u00e4rtig Aufgeschriebene erweist sich als Versammlung von mehr oder minder Trivialem, das kaum etwas \u00fcber das Individuum Fontana und gar nichts \u00fcber die k\u00fcnstlerischen Absichten der <em>Tagli<\/em> aussagt. Die Notate scheinen nicht in der referenziellen Funktion zu stehen, einen Inhalt mitzuteilen oder das Bild, auf dessen R\u00fcckseite sie geschrieben sind, in einen Sinnzusammenhang einzubetten, sondern vielmehr in der phatischen Funktion, auch dann etwas zu sagen, wenn einem gerade nichts einf\u00e4llt, als sei das Ziel des Redens das Aufrechterhalten des Redeflusses selbst. Dieser Redefluss tr\u00e4gt aber auch Z\u00fcge einer Befreiung. Nach dem <em>\u201arite de passage\u2018<\/em> der Durchquerung der Leinwand, angekommen auf der verborgenen R\u00fcckseite des Bildes, l\u00e4sst es sich unbeschwert sprechen, darf sich das Ich ohne Repression in jener Tats\u00e4chlichkeit artikulieren, die das Banale, das Spielerische und das Unsinnige selbstverst\u00e4ndlich und lustvoll einschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Vor der Gegenfolie der r\u00fcckw\u00e4rtigen Notate, in die sich das Ich zerstreut, erscheint der Schnitt in die Leinwand als dessen Negation: als Ausdrucksballung, das nicht dieses oder jenes, sondern alles auf einmal zu \u201asagen\u2018 versucht, aber dadurch jeden bestimmbaren Inhalt preisgibt und sogar das Medium der Artikulation, den Bildtr\u00e4ger, angreift. Was jedoch beides, die heitere Zerstreuung und den stummen Schnitt, verbindet, ist die Unm\u00f6glichkeit, \u201aes\u2018 \u2013 die Substanz, das Ganze, dasjenige, was die Welt und das Subjekt in Kontakt zueinander bringt \u2013 auszudr\u00fccken. Psychostrukturell verbinden sie sich in ihrer Eigenart, Intimit\u00e4t und \u00c4u\u00dferlichkeit, F\u00fclle und Nichtigkeit zusammenfallen zu lassen.<\/p>\n<table border=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/modernismus-bild-oberflaeche-illusion-greenberg\/\">Einleitung: Modernistische \u201aflatness\u2018 und ihr Widerruf<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/fontana-tagli-loch-schnitt-linie\/\">Kapitel I: Fontanas Fund<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/fontana-concetto-spaziale-attesa-raum\/\">Kapitel II: Der Schnitt als Schwelle<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/fontana-bild-schnitte-ikon-performance\/\">Kapitel III: Die zwei Ordnungen des Schnitts: ikonisch und performativ<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/punkt.gif\" alt=\"Fontana\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/fontana-tagli-rueckseite-notate-ausdruck\/\">Kapitel IV: Der Schnitt als \u00c4u\u00dferung \u2013 und Fontanas r\u00fcckseitige Notate<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pfeil.gif\" alt=\"Fontana\" \/><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/scripts\/fontana-transzendenz-immanenz-unendliches-wiederholung\/\"> Kapitel V: Transzendenz und Immanenz des Unendlichen<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/img\/pixel.gif\" alt=\"spacer\" width=\"10\" height=\"20\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td style=\"width: 15px;\"><\/td>\n<td><a href=\"http:\/\/www.michaelluethy.de\/fontanas-schnitte.pdf\">Fontanas Schnitte als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 190 KB)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fontanas Schnitte als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 190 KB) Fontanas Schnitte in: Bild-Riss. Textile \u00d6ffnungen im \u00e4sthetischen Diskurs, hrsg. von Mateusz Kapustka, Textile Studies, Band 7, Edition Imorde, Emsdetten\/Berlin, 2015, S. 25-38. 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