Arnold Gehlen Nationalsozialismus Entartete Kunst Moderne

Arnold Gehlen „Zeit-Bilder“ als Druckversion (PDF 412 KB)

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Die innere Galeere der Freiheit. Zu einigen Motiven in Arnold Gehlens „Zeit-Bildern“

in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 159, 12./13.7.1997, S. 66.

Kapitel III: Stetigkeit des Denkens

Gehlen ist selbst biographisch und wissenschaftlich tief in den Nationalsozialismus verstrickt. Er distanzierte sich später nie von seinem damaligen Denken, sondern strich aus seinen Texten lediglich die kritischen Passagen. Es liegt auf der selben Linie, wenn er noch 1960 mit Argumenten hantiert, die 1937 die Säuberung der Kunst zu legitimieren hatten. Der Ton klingt sachlicher, Völkisches fehlt, und die schlimmsten Anwürfe werden nicht auf bestimmte Künstler, sondern auf eine eigentümlich anonyme Moderne bezogen, die irgendwo zwischen dem Impressionismus und der eigenen Gegenwart schwebt.

Gehlen begegnet der modernen Kunst mit einer Aggressivität, die vermuten lässt, die Kunst habe hier wie so oft Ressentiments aufzufangen, die sich gegen anderes richten. Was Gehlen an der Kunst kritisiert, meint denn auch die Gesellschaft im ganzen: die angebliche Nivellierung nach unten, die Inflation der Subjektivitäten, das Schwinden des Gehorsams, der allgemeine Sittenzerfall. Und der Künstler wird angegriffen als derjenige, in dem das Haltlose des modernen Menschen beispielhafte Gestalt gewinnt. Das Indirekte der Attacke gehört ebenfalls zur „sonderbar verschlüsselten Beweisführung“ (Gadamer) des Buches, und vielleicht ist sie die Erklärung dafür, warum sich hier Passagen von einer Drastik finden, die Gehlen gewöhnlich meidet. Umso seltsamer mutet es an, dass die „soziologische“ Seite der „Zeit-Bilder“ so wenig Widerspruch hervorrief. Gehlens Argumentation darf jedoch auch dann nicht ausgeblendet werden, wenn nur die so diskutabel erscheinende These von der „Kommentarbedürftigkeit“ der modernen Kunst aufgegriffen wird. Zu dicht ist diese These mit dem Ganzen des Buches verwoben.

Der wissenschaftlichen Qualität und dem Denkstil der „Zeit-Bilder“ ist es angemessen, zwar der populären Kulturkritik Schlagworte geliefert zu haben, jedoch nicht in den Kanon moderner Ästhetik und Kunstwissenschaft aufgenommen worden zu sein. Insofern haben sich die „Zeit-Bilder“ nicht „institutionalisiert“. Gehlen aber wusste selbst, dass „die Überlebenszeit einer Gesinnung, der die Aussenstützung durch Institutionen entzogen ist, eine messbare Dauer von höchstens zwei bis drei Generationen hat.“

Kapitel I: Einleitung
Kapitel II: Die Kunst als Führungselement
Punkt Gehlen Kapitel III: Stetigkeit des Denkens
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