Rhetorik Wahrscheinlichkeit Baumgarten Ästhetik Quintilian

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Wahrscheinlichkeit. Zur Rhetorik der Kunst

in: Daidalos 64, Juni 1997 (Sondernummer „Rhetorik), S. 80-89.

Abschnitt III

Angesichts all dessen scheint es mir für eine Verhältnisbestimmung von Kunst und Rhetorik am aussichtsreichsten zu sein, dem maximalistischen Rhetorikbegriff einen gleichsam minimalistischen Zugang entgegenzusetzen. Die Einsichten gewinnen zudem an Schärfe, wenn wir uns an die alte Auffassung von Rhetorik halten, deren thematische Begrenzung vom modernen, ausgefransten Rhetorikbegriff vorteilhaft absticht. Als einer spezifischen Ausdrucks- und Wirkungstheorie sind in ihr Einsichten formuliert, die ihre Gültigkeit nicht verloren haben und auch für die Kunst aufschlußreich sein können. Von Interesse kann allerdings weniger die Lehre von den rhetorischen Figuren oder von den unterschiedlichen Stilhöhen sein, es sei denn, man untersuche, wie bereits erwähnt, z.B. die Allegorik des Barock. Für die Kunst allgemein kann es höchstens darum gehen, aus dem Arsenal der Rhetorik diejenigen Überlegungen und Begriffe herauszusuchen, die die spezifische Ausdrucksqualität der Kunst zu klären helfen.
Es gehört zur Einsicht der Rhetorik seit ihren Anfängen, daß sie es nicht mit der Wahrheit selbst, sondern allein mit der Wahrscheinlichkeit zu tun hat. Gemeinsam mit Klarheit und Kürze bildet sie die drei Tugenden der Rede. Nur wer diesen Tugenden nachlebt, mag zu überzeugen. Wahrscheinlichkeit ist dabei der Rhetorik keineswegs ein schwacher, gegenüber der Wahrheit ausschließlich defizienter Begriff, sondern enthält auch eine moralische, Gemeinsinn stiftende Dimension. Das Wahrscheinliche ist zugleich das Vernünftige und das Angemessene, dem wir guten Gewissens zustimmen können. Dieser Zentralbegriff der Rhetorik schlägt nun die Brücke zum Gebiet der Kunst. „Daher ist die ästhetische Wahrheit in ihrer wesentlichen Bedeutung Wahrscheinlichkeit“, schreibt A.G. Baumgarten in der Aesthetica (1750), der ersten philosophischen Ästhetik überhaupt. Rhetorische und ästhetisch-künstlerische Überzeugungskraft werden von Baumgarten analogisiert im Begriff der Wahrscheinlichkeit als Glaubwürdigkeit. Die antike Rhetorik unterschied Wahrheit und Wahrscheinlichkeit folgendermaßen: Wahrscheinlichkeit wird nicht durch die vollständige Wiedergabe all dessen, was ist, erreicht; das wäre das positivistische Ideal der Wahrheit. Vielmehr wird sie durch eine raffende und akzentuierte Gestaltung erzielt, die auch die beiden anderen Tugenden, die Kürze und die Klarheit, in ihr Recht setzt. Glaubwürdig ist die Rede dann, wenn ihre Elemente nicht allein der Repräsentation von Sachverhalten verpflichtet sind, sondern zugleich Funktionen des Ganzen der Rede bilden. Quintilian (Institutio Oratoria, VII, Vorrede) verdeutlicht das mit der Metapher der Plastik. Die Elemente der Rede, sagt er, müßten wie die Glieder eines Körpers so angeordnet werden, daß daraus ein wohlproportioniertes Standbild entstehe. Baumgarten übernimmt diese Überlegung in seine „Ästhetik“ und verallgemeinert sie zur Definition, das Kunstwerk sei eine innere Wahrheit ohne Widerspruch in sich. Es erscheint weniger deshalb als wahr, weil es die Welt so abbildet, wie sie ist, sondern weil seine innere Organisation in sich stimmig ist. Das Kunstwerk überzeugt durch die Form seines Geschaffenseins, durch seine kohärente Struktur. So offen formuliert, besitzt die alte rhetorische Vorgabe der Wahrscheinlichkeit selbst für moderne, ja sogar abstrakte Werke Gültigkeit, auch wenn deren „Stimmigkeit“ nicht mehr mit Quintilians Metapher des wohlproportionierten menschlichen Körpers zu fassen ist.

Abschnitt I
Abschnitt II
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Abschnitt V
Abschnitt VI
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