Rhetorik Wahrheit Text Linguistic turn

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Wahrscheinlichkeit. Zur Rhetorik der Kunst

in: Daidalos 64, Juni 1997 (Sondernummer „Rhetorik), S. 80-89.

Abschnitt I

Der „Dornröschenschlaf“, den Walter Jens die Rhetorik noch in den 1960er Jahren schlafen sah, ist unerwarteter Wachheit gewichen. Aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln rückte sie seither ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Hermeneutik, der Dekonstruktivismus, die Philosophie in der Nachfolge des linguistic turn, strukturalistische Semiotik und moderne Textlinguistik, ja selbst die im Begriff der Kommunikation zentrierte Gesellschaftstheorie Habermas‘ oder Luhmanns – alle diese unterschiedlichen und teilweise unvereinbar scheinenden Theorien eint, daß sie von der Unmöglichkeit einer objektiven, rein denotierenden Sprache ausgehen und „Wahrheit“ als Ergebnis eines offenen Kommunikationsprozesses begreifen. „Wahrheit“ ist eine gesellschaftliche Übereinkunft auf Widerruf, die auf rhetorischem Wege zustande kommt, d.h. durch eine Sprache, die auf Überzeugung ausgerichtet ist. Ist jedes Wissen davon, was „wahr“ ist, das Ergebnis von Kommunikation, so wird zugleich die „Wirklichkeit“ zu einem einzigen „Text“. Die Rhetorik, verstanden als Theorie der kommunikativen Wirklichkeitsproduktion, wird zur Instanz, die diesen Text „lesbar“ machen soll. Das gilt nicht nur für den „Supertext“ der „Welt“, sondern ebenso für die einzelnen „Subtexte“ kultureller Objektivationen, also neben der Sprache für die Musik, den Film, die Medien, die Politik – und für die Kunst.
Mit der traditionellen Vorstellung von Rhetorik hat dieser maximalistische Rhetorikbegriff nur wenig zu tun. Diese war ein auf die Praxis des Redens ausgerichtetes Regelinventar, das in der griechischen und römischen Antike kodifiziert wurde und seine Wirkung bis weit in die Neuzeit hinein entfaltete. Als „Kunst des guten Redens“ schläft die Rhetorik noch immer ihren „Dornröschenschlaf“, aus dem sie wahrscheinlich auch nicht mehr erwachen dürfte. Als Quelle des Verständnisses sprachlicher Artikulation, d.h. als Mittel der Interpretation, ist sie gleichwohl unverzichtbar. So gibt es neben den eingangs genannten Theorien, die sich der Rhetorik in systematischer Hinsicht nähern, den historischen Zugang, der ihre Geschichte und ihren Einfluß in den verschiedenen Epochen und Bereichen verfolgt. Solches ist auch für die Kunst möglich und notwendig. Vor allem die Zeit zwischen 1400 und 1800 zeigt sich als Blüte der Rhetorik in der Kunst. Als die Renaissance eine Neuformulierung der Poetik, d.h. der Lehre von der künstlerischen Produktion unternahm, griff sie auf die antike Rhetorik als dem einzigen Regelwerk zurück, das eine systematische Ausdrucks- und Wirkungslehre bot. Die Ziele der Rede (informieren, berühren und erfreuen), ihre Elemente (Inhaltsfindung, Anordnung und Ausdruck), die verschiedenen Stilhöhen (bescheidener, mittlerer und erhabener Stil), die Auffassung von Angemessenheit und Geschmack als der Ausbalancierung von Natur und Kunst, usw.: All diese Unterscheidungen und Anweisungen wurden in die Poetik der Kunst hinübergenommen und entfalteten ihre unübersehbare Wirkung, etwa in der Hierarchie der Gattungen oder in der Lehre vom decorum, der Lehre von Anstand und Maß. Für den einflußreichen Traktat Albertis Über die Malerei (1436) läßt sich das bis in die einzelnen Formulierungen hinein verfolgen. Der Barock wiederum bringt mit seinem großen Interesse an Emblematik und Allegorie, die beide Zwischenformen von Sprache und Bild sind, sowie am Wirkungsziel des Berührens (movere) die Rhetorisierung der Kunst zu einem Höhepunkt, der sich z.B. in Rubens‘ Zyklus für Maria de‘ Medici (1622/25) manifestiert. Solche Werke lassen sich ohne Kenntnis der antiken rhetorischen Lehre nicht angemessen verstehen. In diesem Feld hat die Methode der Ikonologie Wichtiges geleistet. Doch mit der Ablösung der Regelpoetik durch die philosophische Ästhetik sowie mit dem Aufkommen der neuen künstlerischen Leitkategorien des Genies und der Originalität verblaßt gegen 1800 die Wirkmacht der Rhetorik. Die nach Autonomie strebende Kunst der Moderne sucht nicht nur jede Außenregelung abzuwerfen, sondern sie verschärft außerdem den Gegensatz von Bild und Wort, der das Ende der allegorisierenden Kunst zur Folge hat. Die Moderne erweist sich als geradezu anti-rhetorische Epoche. Daß die Rhetorik gerade in den 60er Jahren aus dem Vergessen geholt wird, fällt nicht zufällig mit dem Beginn der postmodernen Modernekritik zusammen. Wenn also die Rede vom Rhetorischen der Kunst nicht nur für die Zeit vor 1800, sondern auch für die Kunst der Moderne begründet sein will, dann scheinen wir gezwungen zu sein, den traditionellen Begriff der Rhetorik zu verlassen und uns der neuen, maximalistischen Definition zuzuwenden, für die der ausdrückliche Bezug eines Kunstwerks auf bestimmte rhetorische Regeln keine Bedingung darstellt, um es als rhetorisch zu begreifen.

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Abschnitt V
Abschnitt VI
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19 Antworten auf „Rhetorik Wahrheit Text Linguistic turn“

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