Manet Prado Velázquez Goya Balkon

Manets Reise zu Velázquez als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.281 KB)

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Manets Reise zu Velázquez und das Problem der kunstgeschichtlichen Genealogie

in: Umwege. Ästhetik und Poetik exzentrischer Reisen, hrsg. von Bernd Blaschke, Rainer Falk, Dirck Linck, Oliver Lubrich, Friederike Wißmann und Volker Woltersdorff, Bielefeld 2008, S. 119-158.

Kapitel III: Maître Velázquez

Die Fahrt in das pittoreske Spanien, das Manets Œuvre bislang evoziert hatte, war jedoch wider Erwarten kurz: Schon zehn Tage später war Manet wieder in Frankreich, und ein entsetzter Astruc mußte erfahren, daß seine zahlreichen Hinweise auf Sehenswürdigkeiten und Exkursionsmöglichkeiten in den Wind geschrieben waren. Geflohen sei er, wie Manet andeutete, vor der spanischen Küche, die seinem Pariser Magen nicht bekommen sei. Das dürfte nicht der einzige Grund für die vorzeitige Rückreise gewesen sein. In den Briefen an Fantin-Latour, Baudelaire und Astruc, in denen Manet von der Reise berichtete, spricht er keineswegs von einer vorzeitig beendeten oder gar mißlungenen Reise. Vielmehr scheint Manet in den wenigen Tagen gesehen zu haben, was er zu sehen brauchte. Dabei stellen die Reiseberichte Gautiers Hierarchie des Sehenswerten auf den Kopf. Dieser besuchte in Madrid als erstes einen Stierkampf, den er höchst detailliert schildert, streifte danach durch die Stadt, unter anderem um die Schönheit der Madrileninnen zu ergründen, und besuchte zuletzt pflichtschuldig auch den Prado. Gerade einmal fünf uninspirierte Zeilen preisen dessen „außerordentlichen Reichtum“, der „einen Band für sich allein“ erforderte, und listen die wichtigsten Künstler auf. Manet hingegen trug sich gleich am Tag nach seiner Ankunft ins Besucherbuch des Prado ein und scheint täglich wiedergekommen zu sein. Auch in den Briefen kommt er jeweils zuallererst auf Velázquez zu sprechen, um dann die Qualität weiterer Maler zu erörtern, während die Reize des Stierkampfs und der fächerwedelnden ‚majas‘ deutlich abgesetzt hintangestellt werden. Angesichts der bisherigen Faszination für die folkloristischen Aspekte Spaniens muten die entsprechenden Darstellungen überdies eigentümlich stereotyp an. Aufschlußreich ist schließlich, daß Maler wie Murillo, Ribera und sogar Goya, die als entschieden ‚spanischer‘ gelten können als Velázquez, beiläufig oder gar ablehnend kommentiert werden. Obschon Astruc glauben mußte, Manets Reise sei gescheitert – „wirklich, alles muß nochmals gemacht werden“, schrieb er zurück – hatte Manet sein Reiseziel erreicht:

„Ich blieb sieben Tage in Madrid und hatte genügend Zeit, alles zu sehen […]. Was mich am meisten hinriß […], was ganz alleine die Reise lohnt, ist das Œuvre von Velázquez. Er ist der Maler der Maler […]; in ihm habe ich die Verwirklichung meines Ideals in der Malerei gefunden; der Anblick dieser Meisterwerke hat mir große Hoffnung und Zuversicht gegeben.“

Als Manet nach der katastrophalen Aufnahme Olympias aufgebrochen war, um „maître Velázquez um Rat zu fragen“, ging es um einen Akt der Rückversicherung in einem Augenblick größter Selbstzweifel. Wie die Briefstelle belegt, gelang dies auch: Manet kehrte hoffnungsvoll zurück. Zugleich erkannte er, was ihn wirklich betraf. Während die Begegnung mit Velázquez‘ Gemälden alles überstrahlte, erschien jenes ‚Spanische‘, das seine Malerei bislang durchzog, mit einem Male entbehrlich. Wenn Manet später auf Bildfindungen spanischer Künstler zurückgriff, beispielsweise 1868 auf Goyas Majas al balcón für Le balcon, übernahm er lediglich die Grundstruktur, um zugleich jegliches ‚spanische Kolorit‘ auszulöschen. Worin aber bestand die Zuversicht, die ihm Velázquez gab? Sowohl der Zweifel am eigenen malerischen Standpunkt als auch der Versuch, sich bei diesem Maler rückzuversichern, haben komplexe Ursachen. Den Schlüssel zu deren Verständnis bildet, so meine Vermutung, das Wort ‚maître‘.

Einleitung
Kapitel I: Spanien in Paris
Kapitel II: Der Zögling Goyas
Punkt Manet Velazquez Kapitel III: Maître Velázquez
Manet Velazquez Kapitel IV: Legitimität, Vaterschaft und Tradition, Teil 1
Kapitel IV: Legitimität, Vaterschaft und Tradition, Teil 2
Kapitel V: Velázquez als ‚innere Figur‘, Teil 1
Kapitel V: Velázquez als ‚innere Figur‘, Teil 2
Kapitel VI: Tradition und/oder Modernität
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