Manet Kunstgeschichte Tradition Moderne Impressionismus

Manets Reise zu Velázquez als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.281 KB)

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Manets Reise zu Velázquez und das Problem der kunstgeschichtlichen Genealogie

in: Umwege. Ästhetik und Poetik exzentrischer Reisen, hrsg. von Bernd Blaschke, Rainer Falk, Dirck Linck, Oliver Lubrich, Friederike Wißmann und Volker Woltersdorff, Bielefeld 2008, S. 119-158.

Kapitel VI: Tradition und/oder Modernität

Den Aspekten des Verhältnisses zwischen Manet und Velázquez, die M’Uzans psychoanalytische Theorie künstlerischer Produktivität zu erkennen erlaubt, ist allerdings der geschichtliche bzw. genealogische Aspekt hinzuzufügen, daß Velázquez eine Instanz war, die Manet mit der vormodernen grande peinture in Berührung bringen konnte. Sobald man die Motive von Manets Spanienreise aufblättert, entsteht das Bild eines Künstlers, das so gar nicht dem Mythos jener Moderne entsprechen will, welche die Vergangenheit liquidierte, um gänzlich neu anzusetzen. Genau gegenläufig dazu bezeugt Manets gesamtes Œuvre das starke Verlangen nach Verankerung in einer Tradition, die sein Tun sanktionieren konnte. Allerdings sah sich Manet gezwungen, diese Tradition in einer paradoxen Bewegung selbst zu erfinden, das heißt die ihn legitimierende Autorität selbst einzusetzen. Traditions- und Selbsterfindung begründeten sich dabei wechselseitig. Die „Aufgabe der Ausarbeitung seiner selbst“, die Michel Foucault als Kern der condition moderne begriff, schloß für Manet beides gleichermaßen ein. Dadurch schuf er sich eine künstlerische Position, die ihn, wie schließlich anerkannt wurde, zugleich als letzten Sohn der Tradition und als Gründungsvater der Moderne auswies. Man kann sich die Erarbeitung dieser Position kaum schwierig genug vorstellen. Denn sie vollzog sich in einem polarisierten künstlerischen Umfeld, das den Willen, den radikalen Neuanfang mit der Tradition der klassischen Kunst zu verklammern, als ausgeschlossenes Drittes begreifen mußte – unverstanden von den Vertretern jener akademischen Tradition, die im besten Falle ausgelaugt erschien, im schlimmsten Falle die Verlogenheit aufwies, die dem Kunstgeschmack des Zweiten Kaiserreichs entsprach; unverstanden aber auch von den jungen, bald als ‚Impressionisten‘ bezeichneten Malern, welche in die freie Natur zogen, um jenseits der Tradition neu sehen und malen zu lernen. Diesbezüglich ist signifikant, daß Manet sein Leben lang darauf beharrte, im Salon auszustellen, selbst als er von den sich formierenden Impressionisten gebeten wurde, sich ihren sezessionistischen Ausstellungen anzuschließen. Denn der Salon, in dem Traditionalisten und Modernisten aufeinandertrafen, war für ihn der einzig passende Ort für seine zweipolige künstlerische Ambition.

Manets Position erweist sich als ein Scharnier, das Tradition und Moderne ebenso trennt wie verbindet. Beim Beharren auf dieser unmöglichen Position half ihm die Identifikationsfigur des ‚maître Velázquez‘, zu welcher er 1865, im Augenblick der größten Krise seiner künstlerischen Biographie, aufbrach, um mit ihr im Prado eine Art Bündnis zu schließen. Indem dieses Bündnis offenließ, wer in wessen Abhängigkeit stand, trug es dasselbe Doppelgesicht wie Manets Malerei.

Einleitung
Kapitel I: Spanien in Paris
Kapitel II: Der Zögling Goyas
Kapitel III: Maître Velázquez
Kapitel IV: Legitimität, Vaterschaft und Tradition, Teil 1
Kapitel IV: Legitimität, Vaterschaft und Tradition, Teil 2
Kapitel V: Velázquez als ‚innere Figur‘, Teil 1
Kapitel V: Velázquez als ‚innere Figur‘, Teil 2
Punkt Manet Velazquez Kapitel VI: Tradition und/oder Modernität
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Manets Reise zu Velázquez als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 2.281 KB)

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