Landschaftsmalerei 19. Jahrhundert Fontainebleau Barbizon Symbolismus

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Realismus und Ursprünglichkeitssehnsucht. Zur französischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts

in: Die Natur der Kunst. Begegnungen mit der Natur vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart, Ausstellungskatalog Kunstmuseum Winterthur, hrsg. von Dieter Schwarz, Düsseldorf 2010, S. 29-47.

Kapitel III: Natur und Kultur

Die Autonomie einer Malerei, die in erster Linie ihre eigenen Prozesse vorführte, und die anspruchslose ›Natürlichkeit‹ eines daliegenden Findlings, der diese Neubegründung der Malerei demonstrieren sollte, erweisen sich bei genauerem Hinsehen allerdings als Schein. Die Natur, die Rousseau – und die anderen Maler der Künstlerkolonie von Barbizon, in der Ausstellung vertreten durch Narcisse-Virgile Díaz de la Peña, Charles-François Daubigny und Constant Troyon – ins Bild setzten, erhält eine kulturelle Bedeutung, sobald man sich verdeutlicht, dass die betreffenden Gemälde einen Adressaten haben: das städtische gebildete Bürgertum insbesondere von Paris. Gerade am Wald von Fontainebleau, dem Sujet der Barbizon-Maler, zeigt sich die intensive Verflechtung von Stadt und Land, urbaner Kultur und ländlichem Raum. Die ›Natürlichkeit‹ dieser Natur erweist sich als Konstrukt städtischer Subjekte.

Während der Jahrhunderte der Valois- und Bourbonen-Herrschaft war der Wald von Fontainebleau das königliche Jagdrevier gewesen. Nach der französischen Revolution, an der Wende zum 19. Jahrhundert, beherbergte das weitläufige Gebiet neben gefährlichen Tieren – unter anderem zahllosen Vipern – eine schillernde Bevölkerung an oder jenseits der Grenze des Gesetzes: Wilderer, Holzfäller und Köhler, die häufig zu Wegelagerern wurden, wenn sich Reisende abseits der wenigen Wege verirrten. Das Gelände war weitgehend unerschlossen, es gab nur rudimentäre Karten, die lediglich die Hauptwege verzeichneten.

Dies fiel einem ehemaligen Soldaten der napoleonischen Armee, Claude François Denecourt, auf, der sich seit der Verbannung Napoleons mit Gelegenheitstätigkeiten über Wasser hielt und schließlich als Cognac-Händler im Städtchen Fontainebleau ein Auskommen fand. Sein Lebenswerk sollte die Erschließung des Waldes von Fontainebleau und dessen touristische Nutzbarmachung werden. Das Mittel dazu war eine neuartige Verbindung von städtischer Kultur und Natur: der Wanderweg, als dessen Erfinder Denecourt in Frankreich gilt. Seit den 1830er Jahren konzipierte er mehrere Gänge durch das Dickicht des Waldes, deren Verlauf er durch blaue, auf Baumstämme gemalte Pfeile markierte. 1837 brachte er den ersten, in den Folgejahren rasch erweiterten Wanderführer heraus, der die Touristen, die das königliche Schloss von Fontainebleau besuchten, davon überzeugen sollte, den Gang ins Waldesinnere anzutreten. Voraussetzung dafür war die erste detaillierte Karte des Waldes, die er drucken ließ und auf der die unterschiedlichen Touren farbig eingezeichnet waren. Die nach Länge und topografischer Schwierigkeit unterschiedenen Wege waren so angelegt, dass sie dem Besucher die verschiedenen Aspekte des Waldes zeigten. Auf Klettertouren über felsige Hänge folgten bequeme Wege auf offenen Wiesen oder an Bächen entlang. In Analogie zur Besichtigung historischer Monumente war Denecourt darauf bedacht, die Wege durch ›Sehenswürdigkeiten‹ zu bereichern: eindrucksvolle Bäume, die er nach Schriftstellern oder Königen benannte und im Wanderführer erläuterte, Höhlen, die er zugänglich machte, besonders pittoreske Ausblicke usw.

Denecourts Initiative zog eine rasch wachsende Gruppe von Enthusiasten an, zunächst aus der romantisch gestimmten Bohème und bald auch aus der Bourgeoisie. Neue Auflagen des Wanderführers adressierten die sich ausdifferenzierenden Besuchergruppen; es gab solche, die speziell für Künstler gedacht waren und ihnen Ratschläge gaben, wo sich die besten Ausblicke boten, während andere besonders vermerkten, wo die Maler ihre Motive gefunden hatten. Die Erfolge der Barbizon-Künstler und des Fontainebleau-Tourismus beförderten sich wechselseitig.

Auch Rousseau und seine Kollegen wandelten auf Denecourts markierten Wegen, manche ihrer Motive lassen sich ihnen eindeutig zuordnen. Nach wiederholten Malkampagnen suchte sich Rousseau als erster der Gruppe 1847 im Bauerndorf Barbizon, das unmittelbar außerhalb des Waldes und praktischerweise an der Straße nach Paris gelegen war, eine Hütte, um dauerhaft dort zu leben. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Denecourts touristisches Programm bereits etabliert und war das Dorf zur Anlaufstelle der Waldgänger geworden. Als in den 1850er Jahren die Eisenbahnlinie Paris-Lyon-Marseille eröffnet wurde, mit einer Haltestelle am östlichen Rand des Städtchens Fontainebleau, stieg die Zahl der Besucher sprunghaft an. Um 1860 ergossen sich – wenn den damaligen Zahlen zu glauben ist – jährlich einhunderttausend Touristen aus den Sonntagszügen, was einen beschleunigten Ausbau der Wege und der gastronomischen Angebote erforderte. Wer nur wenig Zeit hatte oder nicht wandern wollte oder konnte, buchte eine Kutschenfahrt, die an den wichtigsten ›Sehenswürdigkeiten‹ vorbeiführte, oder ließ sich direkt zu einem Aussichtsturm bringen, von dem aus der Wald zu überblicken und bei klarer Sicht die Pariser Stadtkrone zu erkennen war.

Denecourt, dessen Tätigkeit mit der Beförderung zum conservateur-en-chef des Waldes schließlich eine offizielle Legitimation erfuhr, hatte es verstanden, den Wald von Fontainebleau zu einem städtischen Naherholungsgebiet zu machen. Sein Werk ist ein exemplarisches Projekt jenes 19. Jahrhunderts, das hier einleitend als Epoche der Objektivität und des positiven Wissens charakterisiert wurde. Ein kaum erschlossenes, weitgehend rechtsfreies Territorium wurde mit den Mitteln der Datensammlung, der Ingenieurskunst und der strategischen Topografie in Besitz genommen, klassifiziert und kartografisch erfasst. Zugleich wurde es, einmal geordnet, ökonomisch nutzbar gemacht. Denn Denecourt, der das Bedürfnis des modernen Städters nach unterbrechender Abwechslung und ›natürlicher‹ Heilung von urbaner Entkräftung erkannt hatte, fand einen Weg, dessen Befriedigung zu organisieren. Der Ausflug in jenen ›unberührten‹ Wald von Fontainebleau, den die Maler von Barbizon inszenierten, versprach die Begegnung mit einer der Gegenwart enthobenen ›Wildnis‹, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, tatsächlich die Orientierung zu verlieren oder vom Rückweg abgeschnitten zu werden.

So bringt die fiktive Realität des Waldes von Fontainebleau jene eigentümliche Verbindung von Realismus und Ursprünglichkeitssehnsucht, die die Landschaftsmalerei des französischen 19. Jahrhunderts zwischen Rousseau und Cézanne auszeichnet, auf den Punkt. Zugleich zeigt die rasante, nur wenige Jahre in Anspruch nehmende Zivilisierung dieser Wildnis, wie prekär, ja widersprüchlich jene Verbindung war. Gegen Ende des Jahrhunderts floh Gauguin, nach einer Zwischenstation an der bretonischen Küste, in die Südsee, um endlich dort ein unberührtes ›Paradies‹ zu finden – um nach seiner Ankunft in Tahiti festzustellen, dass ihm die Zivilisation auch hier zuvorgekommen war. Immer mehr ließ sich die ›Wildnis‹ nicht mehr im äußeren, sondern höchstens noch im Inneren des Menschen finden, „im Sumpf in unserem Kopf und Bauch“, wie es Henry David Thoreau in seinem als Motto vorangestellten Tagebucheintrag formulierte. In den Landschaften des Symbolismus – in der Ausstellung in den Gemälden Vincent van Goghs und Félix Vallottons fassbar – deutet sich die Wende zur Exploration der ›inneren Wildnis‹ bereits an, im Surrealismus avancierte sie zum ästhetischen Programm. Damit aber endete jener Realismus, der die in diesem Essay behandelten Kunstwerke prägte. Zugleich lockerte sich die feste Koppelung des Themas ›Natur‹ an das Auffassungs- und Darstellungsparadigma der ›Landschaft‹ – eine Koppelung, die, bei aller Transformation der älteren Gattungskonventionen, im 19. Jahrhundert unbefragt weiterbestanden hatte, fortan aber keineswegs mehr zwingend sein sollte.

Einleitung
Kapitel I: Realismus
Kapitel II: Kunstautonomie
Punkt Realismus und Ursprünglichkeitssehnsucht Kapitel III: Natur und Kultur
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