Kunst Spiel Illusion Repräsentation Autonomie

Der Einsatz der Autonomie als Druckversion (PDF mit Abb. u. Fn. 3.054 KB)

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Der Einsatz der Autonomie. Spieldimensionen in der Kunst der Moderne

in: Faites vos jeux! Kunst und Spiel seit Dada, Katalog Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz; Akademie der Künste, Berlin; Museum für Gegenwartskunst, Siegen, hrsg. von Nike Bätzner, Ostfildern-Ruit 2005, S. 37-46.

„Wenn man den Leuten nur begreiflich machen könnte, dass es mit der Sprache wie mit den mathematischen Formeln sei – Sie machen eine Welt für sich aus – Sie spielen nur mit sich selbst, und eben darum sind sie so ausdrucksvoll – eben darum spiegelt sich in ihnen das seltsame Verhältnisspiel der Dinge.“ (Novalis, Monolog, 1798/99)

1. Einleitung

Bis ins 19. Jahrhundert hinein werden in der Kunst die Bereiche und Funktionen des Spielerischen durch den Begriff der Illusion bestimmt. In-lusio – im Spiel sein oder ins Spiel eintreten – bedeutet, sich für eine bestimmte Zeit dem Fiktionsraum der Kunst zu überlassen, ohne allerdings das Bewusstsein der Fiktionalität zu verlieren. Bei einem zentralperspektivischen Bild oder dem Trompe-l’œil eines barocken Deckengemäldes, das den Blick in den Himmel zu eröffnen scheint, genügt ein Schritt zur Seite, um sie als Täuschung zu erkennen. Das Wechselspiel von Illusionserzeugung und Desillusionierung macht den Reiz dieser Kunstformen aus, die materielles Faktum und immateriellen Effekt gegeneinander ausspielen und den Betrachter in dieses Spiel hineinziehen. Allerdings kennt es lediglich zwei Einsätze, nämlich Sein und Schein des Bildes, womit die Spielmöglichkeiten ebenso klar bestimmt wie beschränkt sind. Der Illusionismus der älteren Kunst hatte seine magische Seite darin, etwas Abwesendes anwesend machen zu können. Damit war er unmittelbar mit der Repräsentationsleistung der Kunst verbunden, welche die Kunst im gesellschaftlichen Gefüge ihrer Zeit verankerte. Das Illusionsspiel war demnach weder ein Spiel mit offenem Ausgang, noch kreiste es selbstzweckhaft in sich.

Im komplexen Autonomisierungsprozess der Kunst in der Moderne löst sich die Kunst nicht nur vom Illusionismus, sondern damit zugleich auch von der Repräsentationsfunktion. Sie entbindet sich von der Aufgabe, einem gesellschaftlichen Auftrag zu gehorchen oder einer Sache zu dienen – beispielsweise der Sache des Staates – und weist zuweilen sogar die Verpflichtung zurück, überhaupt etwas aussagen zu müssen. Daraus erklärt sich die zunehmende Tendenz zur Offenheit und zum Unvollendeten, denn beides unterläuft die Möglichkeit, dem Bild eine bestimmte Aussage abfordern zu können. Dadurch wird das Verhältnis von Kunst und Spiel entschieden komplexer, aber auch problematischer. Im Spielerischen entdeckt die Kunst eine Möglichkeit, sowohl eine neuartige Beziehung zur Wirklichkeit aufzubauen als auch neue kommunikative Bande zu einem Publikum zu knüpfen, das ihr mit zunehmendem Unverständnis gegenübertritt. Überdies findet sie darin einen Modus, über sich selbst zu reflektieren, nachdem die eigene Funktion und Legitimation fraglich geworden sind. Überspitzt formuliert, kompensiert die Kunst als Spiel jenes Ende, das Hegel ihr bescheinigte, als er ihre Repräsentationsfunktion schwinden sah. Je nachdem, welchen Sinn und Wert man dem Spiel überhaupt zumisst, kann diese Kompensation negativ oder positiv gesehen werden. Entweder erscheint sie als Abgleiten der Kunst ins bloß Spielerische, womit diese der bindenden Kraft der alten Kunst verlustig gehe, oder genau umgekehrt als Verwirklichung jenes Vermögens, das den Menschen erst zum Menschen mache und in dem Johan Huizinga den Ursprung der Kultur erkannte.

Kapitel 1. Einleitung
Kapitel 2. Das Werk als Spiel
3. Das Spiel mit dem Betrachter
4. Der Künstler als Spieler
5. Resümee
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