Kunst Autonomie Realität

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Strassenkinder im Museum. Betrachtungen zu Kunst und Moral: Das Projekt „Devotionalia“

in: ZeitSchrift/Reformatio, Jg. 46, Nr. 1, Februar 1997 (Sondernummer „Moralismus“), S. 55-63.

Kapitel 3: Einige Folgerungen

Das Doppelmoral-Dilemma von „Devotionalia“, wie überhaupt das Dilemma jeder Kunst, die sich über ihre „Brauchbarkeit“ (Mary Jane Jacobs) zu definieren versucht, lässt zwei Lösungen zu. Entweder man steigt ganz aus der Kunst aus – und nicht nur aus einer bestimmten, kritisierten Form derselben -, um im „wirklichen“ Leben tätig zu werden. Oder aber es bedeutet, das Negativurteil über die Autonomie der Kunst zu revidieren, das heisst den Wert heutiger Kunst nicht gegen, sondern im Lichte ihrer Autonomie zu bestimmen. Dazu ein paar abschliessende Bemerkungen.

Kunst und Realität

Eine Moral der Kunst setzt die Fixierung der Bereiche „Kunst“ und „Realität“ sowie die Fixierung von deren Verhältnis voraus. Nur so ist ein Programm zur besseren Adaptierung der Kunst an die Erfordernisse der Realität, wie es Mary Jane Jacobs entwirft, überhaupt vorstellbar, nur so kann von „realen Bezügen“ zwischen Kunst und Leben und von der „Brauchbarkeit“ der Kunst für das Leben gesprochen werden. Diese vorausgesetzte Fixierung bezeugt nicht nur die Unreflektiertheit der „New Genre Public Art“. Sie weist zugleich auf das grundlegende Problem einer Bestimmung des Verhältnisses von Kunst und Moral. Denn das Kennzeichen der Kunst in der Moderne ist gerade die Lockerung ihres Verhältnisses zur ausserkünstlerischen Realität. Es wäre allerdings verkehrt, diese Lockerung als blossen Mangel zu begreifen und das Band wieder straffen oder gar die Kunst im Leben aufgehen lassen zu wollen. Vielmehr geht es darum, in der Lockerung der Beziehung das eigentliche Potential der modernen Kunst zu erkennen. Denn sie erlaubt, die Realitätszusammenhänge, in der das Kunstwerk entsteht und von denen es zwangsläufig bestimmt wird, bewusst zu reflektieren und damit den produktiv-paradoxen Zustand von Kontext-Gebundenheit und Autonomie zu erreichen. Der wechselvolle Gang der künstlerischen Moderne ist die immer aufs neue ermittelte Balance zwischen beidem. Durch die hartnäckige Befragung der Abhängigkeit von ihrem Entstehungszusammenhang vermag die Kunst die ansonsten bestehende Stringenz dieser Abhängigkeit zu sprengen und in dieser Sprengung als das Ereignis herauszutreten, das jedes gelungene Kunstwerk ist. Die beargwöhnte Autonomie der Kunst bedeutet also keineswegs Losgelöstheit oder schiere Selbstreferenz, als das sie so oft missverstanden wird, sondern – wörtlich – die Eigengesetzlichkeit, mit der sie die Relation zur ausserkünstlerischen Wirklichkeit bestimmt. Zur Eigenart der modernen Kunst gehört deshalb auch, äusserst unterschiedlichen Kunstbegriffen und Wirklichkeitsverständnissen zu folgen – man denke nur an Malewitsch und Duchamp, Kirchner und Mondrian, Warhol und Beuys – und sich dennoch derselben Epoche mit demselben künstlerischen Paradigma zu verdanken.

Diese Bestimmungen gelten nicht nur für die Produktion, sondern ebenso für die Rezeption der Kunst. Das Erfordernis, in Akten der Interpretation die Verhältnisbestimmungen, die das Werk charakterisieren, nachzuvollziehen und zu deuten, erzeugt nicht allein die Lust der Betrachtung als eine Mischung aus Wirklichkeitserkenntnis und Verführung. Daraus ergibt sich auch der gleichsam aufklärerische Aspekt der Kunst, uns als die Interpretierenden in diese Verhältnisbestimmung einzubeziehen. Denn die Kunst fordert von uns nicht nur die Bestimmung unseres eigenen Verhältnisses zur Realität, sondern auch, das Realitätsverständnis selbst beständig revidierbar zu halten. Das ist eine Leistung der Kunst, die durchaus moralisch genannt werden kann.

Die autonome Stimme der Kunst

An der so verstandenen Autonomie der Kunst ist auch angesichts des anderen Aspekts der Thematik von Kunst und Moral festzuhalten: der zuweilen unterstellten unmoralischen Auswirkungen von Kunst und der daraus abgeleiteten Notwendigkeit, solche Werke zu unterdrücken. Denn auch hier liegt eine Fixierung des Verhältnisses von Kunst und Wirklichkeit vor, in diesem Fall als Einebnung jeglicher Differenz zwischen beiden. Vom Gezeigten wird zum einen direkt auf die Moralität und Psyche des Künstlers geschlossen. Nach der Logik der „entarteten“ Kunst ist Klee wie seine Bilder, und das hiess damals ein verkindeter Verrückter, oder Dix ein perverser Lüstling, der sich in Bordellen herumtreibt. Zum anderen wird dem Publikum die Naivität unterstellt, zwischen den Sphären des Realen und des Fiktiven nicht unterscheiden zu können und deshalb das Gesehene direkt ins eigene Handeln zu übersetzen. Die Eigenart und der Eigenwert der bildnerischen Sprache kommt so gar nicht erst in den Blick.

Das Gespräch über die Selbst- und Weltverständigung speist sich aus verschiedenen Quellen. Sowohl die Kunst wie die Moral sind daran mit je unterschiedlichen, aber gleichermassen notwendigen Stimmen beteiligt. Die Klarheit und Wirksamkeit dieser Stimmen erhöht sich nicht, wenn sie aus dem selben Mund zu sprechen versuchen. Die Moral verwässert sich zum Moralismus, und die Kunst verformt sich in Gesinnungskitsch.

Kapitel I: Kunst und Moral
Kapitel II: Das „Devotionalia“-Projekt
Straßenkinder Punkt Kapitel III: Einige Folgerungen
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